“Wir haben euch doch nichts getan!” – Von der Schwierigkeit im Umgang mit Erinnerungen

 

Eine ganz besondere Unterrichtsstunde zum Thema Judentum bescherte uns Herr Thilo Pohle, indem er der 9b/c den neusten Film der Dokumentarfilmgruppe der Rothenburger Realschule vorführte. Die Filmgruppe, die er selbst vor mehr als 35 Jahren an der Realschule ins Leben gerufen hatte, war im Laufe ihrer Dokumentarfilmarbeit in ihren Interviews immer wieder auf jüdische Geschichten gestoßen. Darunter befindet sich eine Fülle von schönen Erinnerungen von Rothenburgern an ihre jüdischen Nachbarn, aber natürlich überwiegen die erschütternden Ereignisse während des Nationalsozialismus. Der 45-minütige Film, der 2019 aus dem Material entstanden ist, zeigt, wie erwachsene Rothenburger im Rückblick darüber sprechen, wie sie es z. T. als Kinder und Jugendliche erlebt haben, dass sich die Situation der 29 Juden, die im Jahr 1937 noch in Rothenburg wohnten, mehr und mehr zuspitzte, weil niemand mehr mit ihnen Handel treiben oder überhaupt verkehren durfte. Dem Zuschauer wird vor Augen geführt, wie die Befragten selbst als Kinder und Jugendliche durch die Schule und das dort verwendete Unterrichtsmaterial dazu angeleitet wurden, Juden zu hassen. Eindrücklich wird z.T. anhand von Originalaufnahmen dokumentiert, wie leicht die nationalsozialistische Rassentheorie und der Antisemitismus in der Reichsstadt Fuß fassen konnten.

Der Filmtitel: „Wir haben euch doch nichts getan!“ ist der Ausruf eines jüdischen Mädchens angesichts des Sturmes auf den jüdischen Betsaal in der Herrengasse am 22.10.1938 durch Rothenburger SchülerInnen und erwachsene Bürger der Stadt. Gut zwei Wochen vor der Reichspogromnacht brüstete sich Rothenburg am 24.10.1938 im Fränkischen Anzeiger damit, alle Juden vertrieben zu haben und nun endlich „judenfrei“ zu sein.

Der Film bezeugt, dass es dem Nationalsozialismus nicht gelungen ist, mit der Vertreibung und Ermordung der Juden auch all die Erinnerungen auszulöschen, die bezeugen, welch aktiven Beitrag die jüdischen Bürger zum gesellschaftlichen Leben in Rothenburg geleistet haben.

Im Anschluss an die Filmvorführung gab es im Klassenzimmer die Möglichkeit zum Gespräch. Ob es nicht seltsam war, den eigenen Nachbarn zu verraten, mit dem man seit Jahren in einer Kleinstadt Tür an Tür gelebt hat? Dies war nur eine der Fragen, die gestellt wurden. Wer sich nicht mündlich äußern wollte, bekam die Gelegenheit, etwas ins Gästebuch zu schreiben. Drei dieser Einträge, über die sich der Referent sehr gefreut hat, seien hier anonym abgedruckt:

Ich danke Ihnen für diesen Film. Dadurch, dass mein Großvater diese Zeit selbst miterlebt hat und mir immer wieder von seinen Erfahrungen und den schlimmen Ereignissen erzählt hat, haben mich die Erzählungen der Augen- und Zeitzeugen sehr berührt. Ihr grausames Schicksal rührte mich zu Tränen und ich finde es toll von Ihnen, dass wir durch Ihren Film und Erzählungen erfahren können, was bei uns in Rothenburg und Umgebung passiert ist. Denn ich finde es wichtig, dass jeder weiß, was damals passiert ist, denn sowas darf nie wieder vorkommen.

Ein berührender Film, der aufzeigt, wie absurd und brutal die Menschen gegen die Juden vorgegangen sind, obwohl sie nichts falsch gemacht haben.

Ich möchte mich für den Film bedanken, da er die Geschehnisse aus einem anderen Blickwinkel zeigt und es einfach besser ist, diese Ereignisse an regionalen Beispielen zu sehen.

B. Steinke

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